Sonntag, 27. Januar 2013

Zähne und Kraft: mit der Fliege auf Hecht

Wunderschöner Fliegenhecht mit wunderschönen 84 Zentimetern. Zum Fangbericht gehts hier.
Es war einmal (und das ist noch gar nicht lange her), da wurde man im Normalfall mit gerümpften Nasen, in besonderen Fällen (oder sollte ich besonders elitären und/oder puristischen Flugangel-Kreisen sagen) sogar mit blankem Unverständnis konfrontiert, wenn man erzählte, dass man seine Flugschnur auch gerne auch mal auf Meister Esox auswirft.

Ob vom Ufer oder ...
Diese Zeiten sind ... richtig ... vorbei. Mittlerweile ist die Hechtpirsch mit Streamer und Doppelzug irgendwie sogar en Vogue oder sagen wir trendy geworden. Wie ich darauf komme? Nun, es ist im Normalfall immer ein guter Trend-Indikator wenn Reiseveranstalter spezielle "Hecht-Touren" anbieten (und das tun sie), oder auch wenn sich diverse Fachpublikationen einige ihrer kostbaren Seiten der Jagd auf ebendiese Süßwasserkrokodile widmen (und auch das tun sie, Sie lesen zum Beispiel gerade eine dieser Seiten).

Warum auf Hecht?

... vom Bellyboat: die Hechtpirsch ist jedes Mal ein Erlebnis:
Eine weitere W-Frage wollen wir dabei aber nicht vergessen: das Warum. Warum sind denn Herr und ganz besonders Frau Esox Lucius in den letzten Jahren so interessant für uns Flugangler geworden? Erlauben Sie mir vor der eigentlichen Antwort noch einen kleinen Exkurs in die Ichthyologie um meine soeben erfolgte Frau-wird-bevorzugt-Feststellung nicht nur mit reiner Flyfishing-Gentlemanlike-heit zu rechtfertigen: Während Hecht-Rogner in Extremfällen bis zu 150 cm groß werden können ist bei Esox-Milchner meist bei maximal 90 cm Schluss. Somit ist mir das Hechtweibchen wohl verständlicherweise ganz einfach lieber. Aber zurück zum Thema.

Hechtschuppen und blutige Finger: das passt.
Warum ist nun die Fischwaid auf den beschuppten Torpedo mit den unglaublichen 700 (!!!) Zähnen so interessant? Sind es die spektakulären Drills, welche meist auf unglaublich feurige und sensationell-aggressive Attacken voll primitiver Triebe folgen? Oder ist es doch die recht hohe Wahrscheinlichkeit sich blutige Finger während eines Hecht-Angeltages zu holen (Angelerfolg und somit auch direkter Fischkontakt klarerweise vorausgesetzt) und somit irgendwie auch ein bisschen ein Wildlife-Wasserzeichen für die Ehefrau und die Kollegen im Büro mit nach Haus zu nehmen um seine eigene Wildheit nochmals zu unterstreichen.

Perfekt zur Hecht-Fliegenfischerei: Schnapsklares Wasser und viele Unterwasserpflanzen.
Das und noch viele mehr dieser Gründe sind verantwortlich um die Liebe zur Fischwaid auf die Raubfische mit der versetzen Rückenflosse, für uns Flugangler kommt aber noch ein weiterer und meiner Meinung auch der bedeutendste Grund dazu und der ist simpel: Erreichbarkeit.

Und darum gehts: schön schlanker Mitt-Siebziger Streamerhecht im Herbst.

Wenn das Gute liegt so nah ... 

Während gute Salmonidengewässer leider oftmals in räumlicher und/oder finanziell weiter Ferne liegen hat eigentlich jeder Petrijünger ein gutes Hecht-Gewässer in seiner Nähe. Wenn an ebendiesem nun noch halbwegs flache (je nach Sichtigkeit des Gewässers zwischen zwei und vier Meter) Uferbereiche vorhanden sind, dann, ja dann ist hoffentlich das nächste Geräusch das Sie bewusst hören werden ihre kreischende Rolle.

Womit wir auch beim nächsten Punkt sind: der Ausrüstung. Die guten Nachrichten vorweg: eine vernünftige Hechtausrüstung kostet kein Vermögen. Und sie ist auch mehrfach verwendbar, soll heissen wenn Sie es einmal auf Zander oder auf kapitale Karpfen versuchen wollen, sind sie mit mit ihrer Hechtrute genauso richtig, wie bei Ihren ersten fluganglerischen Versuchen auf kleinere Tarpon oder größere Bonefish im tropischen Urlaub. Natürlich gibt es für all diese Fischarten eigene perfekt zusammengestellte Tackle-Kombis, aber für Erstversuche auf diese Fische sind Sie mit Ihrer Hecht-Ausrüstung eigentlich nie wirklich fehl am Platz.


9x9 als Grundregel

Die optimale Rutenlänge beim Flugangeln auf Hecht sind wohl 9 Fuß (2,70 Meter), diese darf allerdings gerne auch nach oben korrigiert werden, wenn Freund Esox vorrangig mittels Bellyboat oder Kajak nachgestellt wird. Durch die niedrige Sitzposition freut man sich über jeden zusätzlichen Zentimeter zusätzliche Hebelwirkung um die schweren Streamer vernünftig werfen zu können. Empfehlenswert sind Schnurklassen zwischen 8 und 9 - somit lässt sich bei der Rute die einfache Grundregel 9x9 (Länge x Schnurklasse) als optimaler Mittelweg und Denkhilfe aufstellen. Die dazugehörige Großkernrolle muss keine Wunder vollbringen können, sollte aber wohl genügend Backing fassen können und auch mit einer vernünftigen Bremse versehen sein um die - nicht lange andauernden dafür aber umso vehementeren - Fluchten des Süßwasserkrokodils zu bremsen. Bezüglich der Schnur fische ich seit einigen Jahren mit einer schwimmenden Ausführung und kurzer schwerer Keule (Gewicht zwischen 290 und 350 Grains) um die Streamer auch auf Weite zu bringen. Bei den Vorfächern bieten sich entweder fix-fertige Hecht-Vorfächer mit kurzem Stahlstück am Ende oder selbstgemachte Hardmono-Vorfächer in vernünftiger Stärke (Empfehlung: mindestens 20-25 Pfund sollten es schon sein).  Eine ganz tolle Sache sind noch Micro-Snaps, welche - ähnlich dem Karabinerwirbel beim Spinnfischen - einen schnellen Streameraustausch sowie optimale Bewegungsfreiheit der Fischchen-Imitation garantieren.

Prall gefüllte Streamerboxen sind Pflicht.
Ähm ... Momentchen. Kurze Korrektur. Hier gehts nicht nur um Fischchen-Imitationen. Von Mäusen über Frösche bis hin zu undefinierbaren Streamern - einer der riesen Vorteile des Fliegenfischers gegenüber dem "normalen" Spinnfischer ist schließlich die enorme Geschwindigkeitsvarianz mit denen wir der bezahnten Unterwasser-Fauna auf die Schuppen rücken. Von unendlich langsam bis zum rasantem Tempo: mit dem Streamer ist sehr viel möglich, klarerweise einige Übung vorausgesetzt. Durch die Haare, Federn, Pelze und das weitere Bling-Bling der Köder spielen diese auch ohne unser Zutun schon verführerisch im Wasser.

Es geht aber auch anders: vollkommenes Desinteresse.
So konnte ich schon einige Male erleben, dass sich ein Hecht meinen Streamer schnappte, den ich eigentlich nur zur kurzen Pausen-Ablage direkt neben mein Bellyboat ins Wasser legte.

Und ja, ich geb es zu, einmal ist mir bei einer solchen Attacke (sie kam gänzlich überraschend von unten) vor lauter Schreck mein Wurstbrot (= der Grunde für die Angelpause) aus der Hand ins Wasser gefallen. Der übermütige Jung-Hecht (er hatte etwa 60 Zentimeter) konnte übrigens nach einer kurzen Bellyboat-Besichtigung unbeschadet wieder weiterjagen. Ohne von mir im Wasser geparkten Streamer versteht sich.

Richtiger Streamer, richtige Führung: Hecht am Haken.
Und welche Streamer sind nun fängig? Wie so oft eine schwer zu beantwortende Frage. Auf alle Fälle sollte es in jeder Streamerbox ein paar Fixstarter geben. So finde ich beispielsweise den sogenannten Whitlock-Streamer - ein flach laufender Streamer aus Rehhaar-Kopf, bunten Sattel-Federn sowie Flashabou-Fäden, der auch hervorragend als Popper gefischt werden kann - einen sehr fängigen Köder, der auch nach einem langen Angeltag die Hechte noch reizen kann und dies auch bei Ihnen machen wird. Weiters würde ich mindestens zwei, drei weiße, bzw. pink-weiße Muster in jeder Box empfehlen. Keine Ahnung warum, aber es gibt Tage, da funktioniert nur weiß-pink, und das dafür umso besser. Ansonsten wird sich wohl jeder an sein Hechtgewässer herantasten und auf eigene Faust die passenden Muster finden müssen. Natürlich bietet es sich auch immer an, sich die hauptsächlichen Futterfische der Hechte als Imitation vorzunehmen.

Posierender Baby-Esox (ca. 10 Zentimeter) im Kraut.
Ein weiteres Pro-Hecht-Argument: Von der Schonzeit abgesehen kann den schnappfreudigen Zähnen mit Schuppen und Flossen eigentlich das ganze Jahr über nachgestellt werden. Oftmals stehen die Räuber sehr ufernah und sind somit auch für den Fliegenfischer am Ufer gut erwerfbar. Vor allem im Frühjahr und Herbst ist dann Erfolg ... naja, zwar nicht garantiert ... aber immerhin doch sehr wahrscheinlich.



Start bei Unterwasserverstecken

Und wo soll gestartet werden? Bei markanten Punkten. Nicht vergessen: der Hecht ist ein Lauerjäger, er versteckt sich bis er ein passendes Opfer gefunden hat und schießt dann mit beeindruckendem Tempo darauf zu. Lange Treibjagden sind zwar möglich (und manchmal auch vom Angler sehr gut provozierbar) aber eigentlich nicht so des Hechtes Lieblingsbeschäftigung. Deswegen bieten sich für den Start des Angeltages auf Esox Lucius die Kanten von Seerosenfeldern, umgekippte im Wasser liegende Bäume, Fluss- oder Bachmündungen oder einfach Stege an.


Kurz vor der Landung.

Vernunft statt Schmerzen

Abschließend vielleicht noch kurz ein paar Worte zum Werfen und in weiterer Folge auch Führen schwerer Streamer. Zum eigenen Schutz sollte man beim Werfen von großen Streamern stets einen kurzen und einfachen aber dennoch wichtigen Grundsatz im Hinterkopf behalten: Vernünftig sein und auch vernünftige Ansprüche an sich selbst haben! Ein 15 Zentimer langer Streamer mit Tandemhaken und bebleiten Augen knallt schon deutlich anders gegen jedes ihm in den Weg gestellte Körperteil des Anglers/Mitanglers/Bellyboat/Begleitung/sonstiges. Deswegen bitte keine absurden Wurfweiten anstreben und somit auch nicht zu viel Überkopf herumwedeln, normalerweise reichen ein, zwei Rückschwünge bei den kurz-keuligen Hechtschnüren um schon respektable Weiten zu erzielen und dabei sollte man es auch belassen. Frei nach (dem österreichischen Comic-Aufpasser meiner Jugend) Helmi: Vorsorgen ist besser als heulen und heilen ;-)


Der böse Blick ist immer dabei.
Zum Einstrippen des Streamers muss nicht viel gesagt werden, wie schon erwähnt haben diese ja eine gewisse Attraktivität für unseren Zielfisch ja schon in die Wiege mitbekommen. Ob schnelle oder langsame Stripps der  richtige Weg sind, ist stets von den Hechten abhängig, als Richtwert sind zehn Zentimer lange Züge und eine Veriation aus schnellen und langsamen Zügen allerdings sicherlich nicht verkehrt.

Ein Tipp meinerseits noch: Wenn Sie in den Genuß des Sichtfischens auf Esox Lucius kommen und dann auch noch einen Hecht ausmachen der sich für ihren Streamer interessiert, sich allerdings nicht zum finalen Biss überreden lässt, dann sind einige schnelle Stripps oftmals Gold wert (anschaulich auch in diesem Fangbericht nachzulesen).

Stattlicher Esox mitten im Drill.
Und dann. Dann heisst es eigentlich nur mehr kräftig anschlagen (erfolgt bei mir meist mit ein, zwei vehementen Strip-Strikes) um den Haken in das knochige Maul zu treiben, und in weiterer Folge beim Landen des Räubers aufzupassen. Ein großer Kescher oder ein Boga-Grip sind gerade für ungeübte Hecht-Angler eine sehr wertvolle Hilfe wenn es zum erhofften Ernstfall kommt, noch besser wäre ein Freund der hilft und auch das eine oder andere Fangfoto mit diesem immer noch außergewöhnlichen Fang am Fliegengerät macht. Ich verspreche Ihnen, es wird nicht das letzte Foto dieser Art sein, einmal mit der Pirsch auf den zähnestarrenden Räuber gestartet gibt es im Normalfall kein halten mehr und die nächsten Ausflüge zum Hecht-Gewässer Ihrer Wahl folgen wie selbstständig ...

Wuchtiger Esox (knapp 90 cm) direkt am Ufer kurz vor der Landung und ...
... kurz nach dem Release.
Wer noch weitere Fragen zur Fliegenfischerei auf Hecht hat kann unter catch@gue-flyfishing.com gerne mit mir Kontakt aufnehmen. Einstweilen tight lines,
gue

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Weiterführende Literatur zum Thema:
- Dominic Garnett/ Flyfishing for Coarse Fish
- Ulli Beyer/Das Ulli Beyer Raubfischbuch
- Barry Reynolds/Pike on the Fly: The Flyfishing Guide to Northerns, Tigers and Muskies
- DVD von Rudi Heger/Erfolgreiches Fliegenfischen auf Hecht

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