Freitag, 5. Dezember 2014

Boys gone (into the) wild

Landgänge sind in den Everglades nicht sonderlich ratsam. Vom Boot aus fischt es sich sowieso besser.

Hat uns wirklich gerade fast der Blitz getroffen? Fallen hier tatsächlich handtellergroße Spinnen auf uns herab? Sind das da vorne ernsthaft alles rollende Tarpon? Willkommen in den Everglades. 

 

Hey, schau, ein Krokodil!“, „Da drüben, schon wieder ein Alligator!“, „Und dort, sieh Dir diesen Riesenschnappi an!“ Sätze wie diese hört man eigentlich am laufenden Band wenn man in den Everglades unterwegs ist, meist werden sie aber rasch weniger. Es wird schnell langweilig und zudem läuft man ganz einfach Gefahr der akuten Heiserkeit. Krokodilsichtungen sind hier tatsächlich alles andere als etwas besonders, eher Alltag. Gemeinsam mit meinem guten Angelfreund Carsten verschlug es mich also Anfang Oktober 2014 nach Florida, aber nicht um die - mittlerweile leider unter starkem Angeldruck stehenden - Florida Keys zu befischen, sondern mitten ins Herz der Wildnis, in die Everglades.

Na, wer entdeckt den Alligator vor mir im Wasser?
Catch and Release wird groß geschrieben.

 

Full Service, und das auch noch all inclusive

Für mich war es zudem die erste Fliegenfisch-Salzwassererfahrung überhaupt. Dementsprechend nervös war ich, als uns Guide Paul am Flughafen Miami für die rund einstündige Fahrt quer durch den Nationalpark nach Everglades City abholte. Zielfische des Trips waren neben dem Tarpon auch noch die - ausserhalb der Staaten mehr oder minder unbekannten - Snook und Redfish. Da Paul zudem mit dem US-Rutenproduzenten Sage eng verbunden ist, mussten wir nicht einmal selbst unser Angelgerät mitnehmen. Sämtliches Material - von #7-Gerät für Snook, Redfish und Baby-Poon, bis zu #10 und #11-Lanzen für die großen Tarpone und auch Haie - wurde, wie auch die Fliegen gestellt. 

Bloody Mullets“ sagte unser Guide gerne und viel. Die Meeräschen sind wirklich omnipräsent, sehr schreckhaft und vertrieben so auch den einen oder anderen  Jäger. Jede Schlammwolke auf dem Bild stellt eine flüchtenden Fisch dar.
Nach dem Drill hatte nicht nur der Fliegenfischer Interesse am schönen Snook.

Kleine Tarpon machen am „leichten“ #7-Gerät einen Höllenradau und auch gehörig Spaß.

Carsten mit einem mehr als stattlichen Snook.

 

Rückenflossen-Radar? Check!

Es ist wahrlich ein komisches Gefühl für einen ganz speziellen Zielfisch tatsächlich um die halbe Welt gereist zu sein und einen ebensolchen Fisch gigantischen Ausmaßes vor sich zu haben. Plötzlich ist man sich ob der unglaublichen Dimensionen gar mehr so sicher, ob man überhaupt möchte, dass dieser die Fliege nimmt. So geschehen am dritten Angeltag der einwöchigen Everglades-Visite. Wir hatten in den vergangenen Tagen schon einige schöne Fische gefangen, vor allem die - sehr hechtähnliche - Fischerei auf den Lauerjäger Snook machte viel Spaß, und auch der eine oder andere Micro- und Baby-Poon, stattliche Redfish sowie exotische Beifänge hatten sich schon von uns überlisten lassen. Auch der berühmte tropische Sturzregen hatte uns bereits auf eindrucksvolle Weise überrascht, aber das was hier passierte, schlug bislang alles. Da sowohl Carsten als auch unser Guide wussten, dass ich wahnsinnig gerne einen Hai auf Fliege fangen wollte, war neben der Suche nach rollenden Tarponen auch das Rückenflossen-Radar bei uns allen stets aktiv.

Das „Rückenflossen-Radar“ schlug Alarm.
Der neugierige Bullenhai inspizierte das Skiff (rechts unten) ganz genau.

 

Will ich? Oder will ich nicht?

So bekam ich immer wieder mal die Chance, sowohl Zitronen- als auch Bullenhaie verschiedenster Größen anzuwerfen. Paul schickte klarerweise auch mich auf die Casting-Plattform, als er einen großen raubenden Hai in einer knapp ein Meter tiefen Flachwasserbucht erspähte. Als wir uns geräuschlos mit dem Skiff-Boot näherten entpuppte sich dieser allerdings als hochkapitaler Tarpon auf Meeräschenjagd, der aufgrund seines unglaublichen Körpervolumens einfach nicht mehr abtauchen konnte und so mit dem halben Rücken aus dem Wasser gestreckt durch ebendieses dümpelte. Ich war also am Zug diesen rund zwei Meter langen Giganten - unser Guide schätzte ihn um die 160 Pfund - mit dem #11-Prügel anzufischen. Der erste Wurf wurde majestätisch ignoriert, allerdings änderte der Fisch zumindest die Richtung und schwamm nun frontal auf das Skiff zu. Paul gab mir genaueste Anweisungen wann und wohin ich zu werfen und in weiterer Folge den Streamer einzustrippen hatte. Als der Koloss steuerbord rund drei Meter von unserem Boot entfernt vorbeizog, war tatsächlich auch die Fliege nur wenige Zentimeter vor seinem Maul. Wir alle hielten die Luft an, als der Tarpon plötzlich rollte, seinen Schädel samt faustgroßem Auge aus dem Wasser streckte, uns prompt entdeckte und mit einer Welle, die einem ins Wasser gestürztem Auto glich, in einem Höllentempo das Weite suchte. Sowohl Carsten als auch ich litten trotz tropischer Temperaturen prompt an heftigem Schüttelfrost der Marke „gibt es so etwas wirklich?“, und auch unser Guide war - ganz entgegen seinem locker-flockigem Sunshine State-Naturell - kurzzeitig doch recht wortkarg. Was ist hier eigentlich los?
Allzeit bereit: ein kapitaler Fisch kann sich immer und überall verraten.
Das Backcountry der Everglades gleicht einer gefluteten Mondlandschaft.
Wunderschöner Redfish mitsamt dem markanten Punkt auf der Rückenflosse. Der in den Staaten sehr beliebte Trophy-Fisch ist zudem auch am Teller eine echte Delikatesse. 
Einen Sonnenaufgang zwischen den Everglades und dem Golf von Mexiko sollte man tatsächlich einmal erlebt haben. 
Die Sichtfischerei auf kampfstarke Snook ist der mitteleuropäischen Fischerei auf Hecht sehr ähnlich.

 Spinnenregen und Dauer-Schweißausbruch

Today is our adventure day. Today we´re going to a place, that you just can reach with a helicopter. Without a helicopter.“ Als wir an diesem Morgen wie jeden Tag noch vor Sonnenaufgang den kleinen Hafen von Ochopee (kleiner Ort direkt an Everglades City anschließend) verließen war die Vorfreude groß. Adventure day, genau darum geht es ja schließlich, wir wollen die Wildnis sehen und spüren. Mit rund 60 km/h flogen wir mit dem Skiff beinahe über das spiegelglatte Wasser im Morgengrauen. Nach dreistündiger Fahrt waren wir angekommen. Nur wo? Die endlose Mangrovenwand der Everglades sah hier genauso aus wie vor einer Stunde, grün ist eben grün. Unser Guide steuerte allerdings eine kleine, komplett unscheinbare Lücke im Dickicht an um einen noch kleineren, und dicht überwachsenen Kanal in den Dschungel zu nutzen.


video

Anfangs lachten wir noch als uns die Äste ins Gesicht schlugen, und Spinnen und anderes Krabbelgetier verschiedenster Größen und Farben auf uns herab regneten. Nach fünf Minuten kam der Schweißausbruch, da wir erstens beim von den Ästen abstoßen und das Boot irgendwie durch das Dickicht manövrieren voll eingespannt waren, und zweitens ein dichtes Blätterdach auch eine wirklich beeindruckend gut funktionierende Wärmeisolierung bietet. Die folgenden Minuten schmunzelten wir noch über die Skurrilität der Situation, also uns Paul allerdings erklärte, dass wir die nächsten eineinhalb Stunden tief gebückt, schwitzend und nach Insekten schlagend verbringen werden, ja, da verstand ich was der freundliche Amerikaner mit „Adventure day“ gemeint hat. Entschuldigend fügte er noch an, dass er diesen Spot nicht sonderlich oft besucht um die Fische keinem allzu hohen Angeldruck auszusetzen, und dass der Kanal bei seinem letzten Mal dort bei weitem nicht so stark zugewachsen war. Trotz drückender Hitze dick in unsere Buffs verpackt - schließlich war niemand besonders heiß auf Tropenspinnen in Ohren, Nase oder Mund - konnte weder Carsten noch Paul mein Grinsen sehen als mir plötzlich in den Kopf schoss, dass wir ja auch wieder genau auf diesem Weg zurück müssten. Tja, Adventure eben.

Das „Anglers Breakfast“ bereitet auf einen intensiven Tag am Wasser vor. 
Auch die Buntbarsche machen hier ihrem Namen alle Ehre und vergreifen sich gerne an Popper, Gurgler und Co. 
Dicker Redfish auf Sicht.

Hochspannung neu definiert

Was uns nach dieser vormittäglichen Tortur erwartete stellte allerdings abermals alles andere in den Schatten. Als sich der Kanal schön langsam wieder lichtete erwartete uns eine Kette von drei miteinander verbundenen Seen, voll mit Tarpon, Alligatorhechten, Snook und Gafftopsail-Welsen. Nahezu jeder Wurf wurde mit einer Attacke beantwortet. So fischten wir einige Stunden, die unglaublich drückende Hitze - da die kleinen Seen komplett von hohen Mangrovenwäldern umgeben waren war es gänzlich windstill - ließ den Schweiß in den Augen brennen, und dennoch wechselten wir den Platz auf der Casting-Plattform nur, wenn der Durst unerträglich wurde, also regelmäßig nach einer knappen halben Stunde. Als wir uns für den Rückweg fertig machten, erklärte unser Guide, dass uns in Kürze wieder ein Sturm bevorsteht. Wie schon einige Male zuvor suchten wir deshalb rasch Schutz unter den dichten Mangroven. Der erste Blitz war einige hundert Meter entfernt, ließ allerdings aufgrund der Intensität nichts Gutes verheißen. So kauerten wir im Skiff und warteten darauf den nächsten Blitz bereits auf der anderen Seite von uns zu hören (als Zeichen, dass sich das Gewitter wieder entfernte) als uns ein ohrenbetäubender Krach erstarren ließ. Unmittelbar darauf war die Luft von einem hohen elektrischen Surren erfüllt, das uns bewies, dass sich das Gewitter in unserer unmittelbaren Umgebung entladen hatte. „So etwas ist mir auch schon ein Weilchen nicht mehr passiert“, war Pauls trockener Kommentar, kurz bevor er uns an den Händen nahm und ein kleines Dankes-Stoßgebet gen Himmel schickte.

In Europa fast schon ein Lkw, in den Staaten ein ganz normales Auto. Mit abnormalen 550 PS.
Der „Rod and Gun-Club“ in Everglades City gehört zum Pflichtprogramm für den geneigten Fliegenfischer, besonders wenn man fast von einem Blitz erschlagen wurde. Am Abend können hier nicht nur Fisch-Präparate, sondern von der Veranda aus auch rollende Tarpon bewundert werden.
Wenn das Angelglück überhaupt nicht eintreten will, gibt es sogar dafür an der Tankstelle in Everglades City prompt Abhilfe.

Ein Zoobesuch beim Fliegenfischen

Es gibt sicherlich Plätze auf dieser Welt um einfacher Tarpone zu fangen, aber ob es noch spektakulärer und naturverbundener geht als in den Everglades wage ich zu bezweifeln. Von raubenden Haien und noch deutlich aggressiver jagenden Delfinen angefangen, über riesig Seekühe, Sägefische, Stechrochen und Schildkröten bis hin zu einer Vogelwelt, die jedem Ornithologen die Schamesröte ins Gesicht treiben muss: hier bekommt der geneigte Fliegenfischer nicht nur eine Angelei die ihresgleichen sucht, hier hat die Natur noch die Regeln gemacht und wacht auch über die Einhaltung dieser. Dies wurde auch bei einem unserer letzten Würfe des Trips bestätigt. 

Da er während des letzten Tages noch nicht viel Fischglück erfahren hatte stand Carsten auf der Plattform und warf kontinuierlich eine ausgespülte Rinne ab als plötzlich seine Rolle kreischte und direkt neben unserem Boot ein rund eineinhalb Meter großer und etwa 50 bis 60 Kilogramm schwerer Tarpon den Luftraum für sich beanspruchte und sich dabei sogar vor lauter Körperspannung einige Schuppen vom Leib sprengte. Rasend riss der Fisch das Backing von der Rolle, Sprung folgte Sprung. Dass er sich  schlussendlich beim sechsten oder siebten Ausflug in die Luft des Hakens entledigte und in den Fluten der Everglades verschwand tat schlussendlich gar nichts mehr zur Sache. Wir waren glücklich und sind es immer noch wenn wir uns an diese Reise erinnern.

Auf einen der letzten Würfe der Reise stieg noch dieser Tarpon ein und bescherte uns offene Münder und begeistertes Grinsen.
Als ich wenige Tage später am Strand von Miami Beach noch einen riesigen jagenden Snook mitten unter den Badegästen entdeckte war für mich schon längst klar: „i´ll be back, and then i´ll go into the wild again“.

Tight lines, gue

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Info für Reisefreudige:

Carsten Dogs (ja genau, der nette Junge Mann aus dem Bericht) bietet mit seiner kleinen aber sehr feinen Reiseagentur Pukka Destinations auch exklusive Angelreisen nach Florida an. Ob DIY oder all inclusive ist dabei nebensächlich, bei Pukka Destinations ist der reisefreudige Fliegenfischer perfekt aufgehoben. Zu erreichen ist Carsten unter info@pukka-destinations.com, bzw. www.pukka-destinations.com

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