Montag, 6. Juni 2016

Hail to the Queen

Es gibt wohl nur wenig Lachsflüsse auf der Welt, die über eine derartig lange und beeindruckende Fischereigeschichte verfügen wie der Lærdal in Norwegen. Ganz standesgemäß ist eine Audienz bei der „Königin der Flüsse“ erst die eine Schwierigkeit, ein schuppiger Ritterschlag aber nochmals etwas ganz Anderes.

Die „Königin der Flüsse“ bittet zur Audienz.
Wunderbar flaschengrünes Wasser rauscht mit beeindruckendem Druck sowie rasanter Geschwindigkeit zwischen meinen Beinen. Sobald die Wattiefe die Knie erreicht hat wird das sichere Stehen in den eiskalten Fluten schwierig. Mein Angelfreund Carsten hat ein Glitzern in den Augen und sagt grinsend: „Lachsfischen am Lærdal, einfach unglaublich“. Der Hamburger ist begeisterter Lachsfischer und weiß um die eigentliche Unmöglichkeit an diesem Fluss zu fischen, und das obwohl wir genau dies gerade tun. Zu exklusiv, zu nachgefragt und somit auch ausgebucht und auch zu teuer – einfach unmöglich: das sind im Normalfall die Superlative, die man hört, wenn die Fischerei am Lærdal zur Sprache kommt. Hier wurde Angelgeschichte geschrieben, hier erfand der englische Lachspapst Ray Brooks die berühmte Sunray Shadow, hier gaben sich Könige und Lords die Rute in die Hand und auch Hemingway hat genau hier bereits die Lachsfliege durch das Wasser swingen lassen. Und dank etwas Glück sowie eines spontan frei gewordenen Beats nun auch wir.

Ein beeindruckendes Panorama begleitet den Lærdal-Fischer.

Blanke Lachse im zweistelligen Bereich: am Lærdal jederzeit möglich

Aber noch etwas bekommt man oft zu hören wenn es um den Lærdal geht: das unglaubliche Potential für Großlachs, welches wohl weltweit seinesgleichen sucht. 2014 wurde hier beispielsweise ein Lachsmilchner mit sagenhaften 27 Kilogramm gefangen (und wieder releast), Fische im zweistelligen Gewichtsbereich sind – sofern die Königin und ihre Bewohner gewillt ist – jederzeit im Bereich des Möglichen. Dies bekommen wir auch rasch vorgeführt, bei einer Erkundungsfahrt mit dem Auto entlang des Flusses am ersten Tag unseres einwöchigen Aufenthalts sehen wir prompt einen drillenden Angler, der nach 20-minütigem Kampf in einem ruhigen Holding Pool einen blanken atlantischen Lachs mit einem knappen Meter Länge und rund zwölf Kilogramm Gewicht landen konnte. Nomen est omen: einfach majestätisch.

Ob Brücken oder Seilbahnen, die besten Pools und Angelplätze sind meist recht unkompliziert erreichbar. 

Go big or go home

Während an vielen anderen Lachsflüssen gerne kleinere Fliegenmuster für die Fischerei im Swing verwendet werden gilt am Lærdal eine gänzlich andere Devise: go big or go home. Rund zehn Zentimeter dürfen die streamerähnlichen Nassfliegen hier rasch einmal sein um den geneigten Fliegenfischer zum königlichen Erfolg zu führen. Bevorzugtes Muster der Lærdal-Profis ist – wenig überraschend – immer noch die Sunray Shadow, die von den Cracks meist in Schwarz-Blau gefischt wird, und dies sowohl am Tag als auch in der ohnehin recht kurzen norwegischen Nacht. Soweit die Eckdaten. Und dann, dann wird im Normalfall mal geworfen, geworfen und geworfen ...
Aufgrund der nicht zu unterschätzenden Strömung samt der Flußbreite wird am Lærdal eigentlich nur mit Zweihandgerät gefischt.

 

Grün ist die Hoffnung, ...

Ein Lachs muss sich hart erarbeitet werden. Im Normalfall deutlich mehr als manch andere Fische. Und am Lærdal nochmals ganz besonders. Jeder Angler, der an diesem exklusiven Gewässer seine Zweihandrute gen Ufer trägt, ist sich der obigen Aussagen sicher. Ebenso gewiss sind sich die Lærdaloholiker ob der Tatsache, dass die Königin der Flüsse nicht nur einer der bekanntesten Lachsflüsse der Welt ist, sondern auch einer der am schwierigsten zu befischenden. Und genau davon konnten sich auch Carsten und ich während der folgenden Tage ausgiebigst am eigenen Leib überzeugen. „Wer am Lærdal Lachse fängt, der fängt sie überall“, heißt es in Norwegen. Aber was ist mit denen, die das irgendwie nicht schaffen?

Mitternächtliches Casting im norwegischen Nebel.

... aber auch immer? 


Es ging einfach nichts. Wir fischten sogar für norwegische Verhältnisse hart, zwischen 12 und 14 Stunden standen wir im Rotationsprinzip am Wasser und versuchten unser Glück. Ohne Glück. Aufgrund der verspäteten Schneeschmelze war der Wasserstand deutlich zu hoch, auch wenn die reißenden Fluten stets glasklar und beeindruckend grün waren. Wir stellten natürlich auch Rechnungen an. Ungefähr drei Stunden brauchen die aufsteigenden Fische von der Flussmündung bis zu unserem Beat. Wenn sie ohne größere Pause und mit ordentlich Schmackes beständig den leicht hochwasserführenden Strom bekämpfen. Und wenn sie dann auch noch auf den paar hundert Metern unseres Beats vielleicht die Gnade hätten unsere Fliege zu attackieren, dann wäre das doch alles gar nicht so schwierig, oder? Wenn nur das Wörtchen wenn nicht wäre. Plötzlich ist auch das Grün des Flusses gar nicht mehr soooooo schön, und die Hoffnung auf fischereilichen Erfolg schwindet mit jedem Kubikmeter rauschenden Fluten.

Getränkekühlung the Lærdal-way: da das Wasser so gut wie nie über zehn Grad bekommt sehr effektiv.

Museum muss nicht langweilig sein

Eine Pause muss also her. Was bietet sich da mehr an als ein Besuch des Norwegischen Wildlachszentrums direkt in der Gemeinde Lærdalsøyri an der Mündung des königlichen Flusses. Neben der Ausstellung selbst und vielen interessanten Infos besitzt das  Villakssenter zudem ein 20 Meter langes Aquarium, das direkten Zugang zum Lærdalselva selbst hat und die Möglichkeit offenbart Lachse und Meerforellen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten und uns erfolgshungrige Angler natürlich nur noch hungriger macht. Auch ein Besuch der Brücke mitten über die Flussmündung hilft zwar nicht den Hunger zu stillen, ist aber allemal eine beeindruckende Erfahrung. Hier bietet sich fast immer die Chance, große Schwärme an Lachsen zu beobachten, die auf die einsetzende Dunkelheit warten um die Brücke samt dem ungeliebten aufs Wasser geworfenen Schatten zu passieren. Hier ist Gänsehaut garantiert, oder haben Sie schon des öfteren Meterlachse aus dem Wasser springen sehen, und das mehr oder minder direkt vor Ihrer Nase?
Auch beim Tackle sollte nicht zu klein dimensioniert werden.

Auch beim Tackle gilt: Go big or go home.

Kurz zum Tackle am Lærdal: Da das Fliegenfischen fast überall am Fluss die einzige erlaubte Angelmethode ist, stellt sich die Frage nach Alternativen nicht. Der mittelgroße Lærdal erfordert Zweihandruten von 13–15 Fuß und gefischt wird vornehmlich mit Tubenfliegen. Ob Schwimmschnur, Sinktip oder Sinkleine muss je nach Gegebenheiten entschieden werden, aufgrund der steten Chance auf einen Großlachs sollte vor allem auch beim Vorfach (mindestens 0,35 Millimeter) und den Knoten größte Aufmerksamkeit herrschen. Hier könnte sich jeder Fehler als kapital erweisen. 

Nach Tagen und Tagen ohne auch nur eine Attacke war endlich die Rute krumm. 
Elf Kilogramm blanke Power – eine echtes Lærdal-Juwel.

Wo bist Du??? 



Carsten hatte aufgepasst. Und dies machte sich nun mehr als bezahlt. Gut, ja, zugegeben, ich hatte das Handy nicht andauernd im Blick. Und deswegen fielen mir die drei entgangenen Anrufe von meinem Kollegen auch erst nach etwa zehn Minuten auf, als ich meinen Routineblick gen Smartphone richtete, während ich mit einem Buch sowie einem Wurstbrot samt kühlem Bier auf der Veranda unserer kleinen Holzhütte direkt am Lærdal-Ufer saß. Und dann wurde auch mir etwas anders. Drei entgangene Anrufe verhießen entweder etwas wenig erfreuliches wie einen Unfall oder eben etwas sehr Gutes, nämlich Fisch. Seit gut 20 Minuten drillte er bereits den Rogner, mehrere hundert Meter flussabwärts hatte ihn der Fisch dabei bereits geführt, als ich ihn schließlich einholte. Nochmals über 20 Minuten später glitt das gut elf Kilogramm schwere blitzblanke und mit Seeläusen verzierte Weibchen endlich in die Keschermaschen. Und der Lærdal hielt was er versprach, Fischerei der absoluten Extraklasse – nicht einfach, aber einfach königlich.


Fischerfreunde unter sich, der Autor und sein Angelkumpel Carsten Dogs.
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Der Lærdalselva – ein Fluss mit Geschichte

Schon um das Jahr 1830 bezogen die ersten Engländer in Lærdalsøyri Quartier um den Fluss zu erkunden, ab 1840 gab es bereits erste Sommerresidenzen und Pachtverträge mit den einheimischen Grundbesitzern. Großlachse lockten reiche Geschäftsleute, Filmstars, wohlhabende Adelige und sogar Könige an diesen Fluss, der neben seinen fantastischen Fischen eine unvergleichlich schöne Umgebung zu bieten hat. 

Lachsführend ist der Lærdal auf einer Strecke von 38 Kilometer vom Fjord bis hinauf nach Heggfossen. Bis zum Jahr 1977 war der Sjurhaug-Wasserfall nach 22 Kilometern eine unüberwindliche Hürde für Wandersalmoniden, mehrere Tunnel und Leitern erweiterten die Aufstiegsmöglichkeiten auf ihren heutigen Stand. Der untere Teil des Flusses besitzt eine zumeist träge Strömung mit einigen Stromschnellen und ausgezeichneten Vertiefungen, in denen Fische stehen. Weiter oberhalb gibt es schnelles Wasser mit Wasserfällen und großen, tiefen Pools. Alle Angelplätze sind vom Ufer aus gut zu befischen, teilweise wurden Brücke, Stege oder Seilbahnen installiert um das Anwerfen der besten Stellen zu erleichtern.

Während der 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat der Fischbestand erheblich unter der Überfischung gelitten, und vor allem Fänge überdurchschnittlicher Fische gingen dramatisch zurück. Mit dem Treibnetzverbot von 1989 besserten sich die Verhältnisse allmählich wieder, bis es im Jahr 1996 zur Infektion mit dem Lachsparasiten Gyrodactylus Salaris kam, im April 1997 folgte eine Behandlung mit Rotenon. Ab 1998 war der Fluss dann wieder für das Fischen geöffnet, leider stellte man den Parasiten jedoch 1999 wieder fest.  Eine weitere Behandlung des Lærdal ist momentan nicht geplant, aber es darf, wie an anderen infizierten Flüssen, weiterhin auf Lachse und Meerforellen geangelt werden.

Unnützes, weil fischfremdes aber dennoch recht interessantes Wissen: Durch Lærdal führte einst die Bergener Königsstraße, die im 18. Jahrhundert errichtet wurde und von Bergen über Oslo, Schweden und Finnland bis nach St. Petersburg führte. Östlich von der Ortschaft Lærdalsøyri – diese befindet sich an der Flussmündung – sind direkt am Fluß Reste der Straße bewahrt. Der Lærdal ist zudem namensgebend für den längsten Straßentunnel der Erde, den Lærdalstunnel, der auf einer Länge von 24,51 Kilometer die Gemeinden Lærdalsøyri und Aurlandsvangen miteinander verbindet. 



Kommentare:

  1. Sehr feiner Bericht einer sehr geilen Tour! Dickes Petri zum hart erkämpften Erfolg
    Gruß Marcus

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  2. Thank you for sharing nice information . I like to know more about what is new and i think that we must always learn from each other
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